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Monika Röth (monika), 22.02.2012

Interview mit Kai Schwind

Was hat Dich zur Lufer-Geschichte inspiriert? Was sind Deine Vorbilder für die Geschichte?

Ich bin ein grosser Fan des ‚Spuk-Haus Genres‘ und liebe einfach Geschichten, die sich um alte, mysteriöse Gemäuer
ranken; sowohl in der Literatur, zum Beispiel in den gothic novels von Henry James, als auch im Film. Klassiker
wie ‚Bis das Blut gefriert‘ (1962), aber auch aktuellere Varianten wie ‚Das Waisenhaus‘ (2007) finde ich äusserst
spannend. Mein Spukhaus-Favorit ist allerdings ‚Das Grauen‘, ein kanadischer Film aus dem Jahre 1981, in dem die
Verbindung von einer spannenden Hintergrundgeschichte mit übernatürlichen Phänomenen hervorragend gelungen
ist. Ich bin übrigens generell ein Fan des Horror-Kinos, gehöre allerdings eher auf die Seite des subtilen Grusels
und Thrillers, als zur Splatter-Fraktion.
Die eigentliche Inspiration zum Lufer Haus ist der tatsächlich existierende Fall des ‚Hauses von Stans‘ in der
Schweiz, über das der Dokumentarfilmer Volker Anding einen interessanten Film gemacht hat (‚Das Spukhaus‘,
2003). Da geht es u.a. um einen Mann, dessen Familie von einem grausligen Spuk heimgesucht wurde und darüber
ein Tagebuch geführt hat. So kam mir die Idee zu dem paranormalen Forscherteam, das in einem Haus verschwindet.
Übrigens gibt es die parapsychologische Beratungsstelle der Universität Freiburg, die im Hörspiel erwähnt wird,
tatsächlich.

Was war für Dich bei der Realisierung des „Lufer Hauses“ die größte Herausforderung?
Die Herausforderung bestand in diesem Fall aus zwei Teilen. Zum einen ging es mir darum, schon im Skript eine
möglichst authentische Sprache zu finden. Das Hörspiel besteht ja aus den dokumentarischen Mitschnitten, die die
Forscher vor und während ihres Aufenthaltes im Lufer Haus anfertigen. Um die dokumentarische Illusion perfekt zu machen, musste ich also nicht nur auf Erzähler, Musik und sonstige dramaturgisch-ordnende Elemente verzichten,
sondern auch eine Sprache finden, die so ‚natürlich‘ wie möglich klingt. Das ist besonders beim Medium Hörspiel
interessant, denn wir sind es ja gewöhnt, in den Dialogen permanent Informationen übermittelt zu bekommen und
dabei sind die meisten von uns auf einen ganz bestimmten Jargon und Stil geeicht, den man zum Beispiel in den
‚Drei ???‘ Hörspielen findet. Also, „seht mal, da hinten ist eine Tür!“ oder „Da kommt ein Mann auf uns zu, er hat
eine Pistole!“ sind Sätze, die man im echten Leben niemals zueinander sagen würde, die wir aber in der künstlichen
Hörspiel-Welt hinnehmen. Für das Lufer Haus musste ich wieder davon abkommen und mir permanent vorstellen,
wie die Figuren ‚tatsächlich‘ miteinander sprechen würden. Da merkt man dann schnell, dass man viel reduzierter
schreiben muss. Klingt einfach, ist es aber nicht.
Die zweite Herausforderung betrifft dann die Regie-Arbeit vor Ort. Wir haben die meisten Szenen wie beim Theater
oder auch beim Film, zusammenhängend mit dem ganzen Ensemble geprobt und dann in einem durchgespielt.
Dabei mussten die Sprecher dann immer wieder improvisieren und mit den tatsächlichen Gegebenheiten im Haus
umgehen. Für mich als Regisseur gab es also wesentlich mehr auf das es parallel zu achten galt; eine Herausforderung,
die man, wenn man sonst die kontrollierte Umgebung eines Hörspielstudios gewöhnt ist, auch erstmal in den
Griff kriegen muss.


Wodurch hebt sich das „Lufer Haus“ von anderen Hörspielen ab?
Es ist in jedem Fall der Sound – sowohl vom eigentlichen Klang her, weil eben alles in einem tatsächlichen Haus
aufgenommen wurde, als auch die Sprache der Figuren. Aus Kosten- und Logistikgründen ist es heutzutage kaum
mehr möglich, ein Hörspiel an ‚Originalschauplätzen‘ und mit dem ganzen Ensemble auf einmal aufzunehmen. Genau
das haben wir beim ‚Lufer Haus‘ gemacht und damit einen ganz eigenen Stil und eine Atmosphäre geschaffen,
die die Hörgewohnheiten der meisten Hörer wohl ordentlich gegen den Strich bürsten wird, letztendlich aber dem
schleichenden Unbehagen und Grauen der Geschichte nur zuträglich ist. Die Geschichte entwickelt sich langsam
und der Hörer hat das Gefühl, ganz nah an den Forschern und ihren Erlebnissen dran zu sein. Ab einem gewissen
Punkt ist das dann wirklich nichts mehr für schwache Nerven.


Gruselhäuser‘ sind im Horror-Genre ja quasi omnipräsent – Was erwartet den Hörer im ‚Lufer
Haus‘ anderes als in Amityville, Haunted House etc. als die typischen knarrenden Türen und seltsame
Geräusche? Oder anders gefragt: Wodurch haucht das ‚Lufer Haus‘ dem eher ‚ausgenudelten‘
Horror-Genre neues Leben ein?
Obwohl auch das Lufer Haus in gewisser Weise ein typisches ‚Genre-Stück‘ ist und natürlich ein paar Grundvoraussetzungen
erfüllt werden, war es mir in der Tat sehr wichtig, die Klischees zu vermeiden. Anders gesagt, es reicht
nicht, eine Tür knarzen zu lassen oder sich nur auf billiges Erschrecken zu verlassen, in dem man die Hörer an unerwarteten
Stellen laut anschreit. Ich glaube, dass das Lufer Haus durchaus polarisiert und dass man sich als Hörer
bereitwillig auf den dokumentarischen Stil einlassen muss. Dann wird man allerdings mit einem Realismus und
einer Geschichte belohnt, die in jedem Fall zu Gänsehaut und Schlaflosigkeit führen kann.
Wir haben ausserdem ein paar Sequenzen im Hörspiel, die man in dieser Konsequenz noch in keinem mir bekannten
Gruselhörspiel gehört hat und die auf jeden Fall für Gänsehaut sorgen werden.


Im ‚Lufer Haus‘ wird nicht mit den im Horror-Genre üblichen Soundeffekten gearbeitet – wie hast
Du es ohne eine künstliche Soundkulisse geschafft, eine gruselige Atmosphäre zu erzeugen?
Das war in jedem Fall eine Herausforderung und man merkt eigentlich erst wie sehr man auf bestimmte dramaturgische
Mittel angewiesen ist, wenn sie einem weggenommen werden. Uns ging es da ein bisschen so wie den
Dogma-Filmemachern und es ist zunächst ungewohnt, wenn man nicht sagen kann: „Prima, und hier kommt dann
gruselige Musik drunter und dann wird die Szene noch krasser“. Ich glaube, dass wir durch unsere Geschichte und
die Tatsache, dass wir uns viel Zeit lassen, diese zu erzählen, eine gute Grundstimmung etablieren. Man wird langsam
aber sicher in die Ereignisse im Haus verwickelt. Darüber hinaus haben wir sehr viel mit ‚Stille‘ und ‚Unklarheit‘
gearbeitet. Die Hörer werden an vielen Stellen genau hinhören müssen und man wird sich nicht immer sicher
sein, was genau da zu hören war. Vielleicht war es nur ein Windrauschen, aber vielleicht war es auch ein Flüstern?


Wie seid Ihr an den Aufnahmeort gekommen? Es ist doch sicherlich nicht all zu leicht, leerstehende
‚Gruselhäuser‘ zu finden, oder?
Nein, das ist es nicht und da gebührt alle Ehre meiner Regie-Assistentin Johanna Steiner. Die Geschichte spielt ja
in der Schweiz, die Produktion ist aber in Berlin angesiedelt und so hat sie in Brandenburg und Umgebung nach
geeigneten Häusern gesucht. Viele inserieren online und vermieten ihre Häuser für Filmdrehs, aber wir waren ja
nicht nur auf optischen Reiz aus, sondern das Gebäude musste auch diverse akustische Bedingungen erfüllen, z.B.
einen ‚gut klingenden‘ Dachboden haben etc. Johanna ist dann irgendwie auf das Landgut St. Michael in Prädikow
gestossen und hat einen kleinen Handyfilm herumgeschickt, der uns alle begeistert hat. Das Landgut hat sich dann
wirklich als ideal erwiesen, denn es gab da viele leerstehende Gebäude und wir konnten uns aus diversen Räumen,
Kellern und sogar eine stillgelegten Brennerei unser Lufer Haus zusammenbauen.


Ihr habt beim Casting weitgehend auf bekannte Sprecher verzichtet – ist das nicht ein Risiko, da im
Hörspielmarkt ‚die deutsche Stimme von...‘ doch als ein wesentliches Verkaufsargument gilt?
Absolut, aber das war in diesem Fall unbedingt notwendig. Ich glaube, dass der Realismus der Geschichte davon profitiert,
dass eben keine bekannten Stimmen, bzw. die deutsche Stimme von... durch den Kopf geistern. Mit der Ausnahme
von Detlef Bierstedt, der die Ansagen spricht, haben wir ein Ensemble zusammengestellt, das aus Sprechern
besteht, die man nur aus einem ganz anderen Zusammenhang oder aus dem Hörspielbereich noch gar nicht kennt.


Wie seid Ihr an die Sprecher gekommen? War es leicht, sie von einem doch sehr speziellen und zeitaufwändigen
Projekt zu überzeugen?
Wir haben die Rollen des Prof. Lindner (gesprochen von Oliver Siebeck) und Thomas Laufer (gesprochen von Uve
Teschner) direkt besetzt und für alle anderen Rollen ein offizielles Casting ausgeschrieben, wo wir speziell nach
Leuten gesucht haben, die hauptsächlich Theater- und Filmerfahrung hatten. Die Resonanz war überwältigend, mit
über 500 Einsendungen. Wir haben dann unsere Expedition zusammengestellt aus zwei jungen, unverbrauchten
Stimmen für das junge Ehepaar Reekers (gesprochen von Vera Molitor und Rodja Martin Tröscher), einem authentischen
Schweizer für Bruder Matthias (gesprochen von Christian Martin Schäfer) und einer echten Schauspiel-Veteranin
für Marianne Weimer (gesprochen von Gabriele Blum). Alle Beteiligten hatten übrigens große Lust, sich auf
das Abenteuer Lufer Haus einzulassen, weil es eben kaum solche Produktionen gibt.


In welchen Situationen gruselst Du Dich selbst? Hattest Du in Deinem Leben schon einen „Angstmoment“,
an den Du Dich immer erinnern wirst?
Ich finde es eigentlich immer gruselig, wenn irgendetwas ‚unkonkret‘ oder ‚unklar‘ ist, also, die berühmten Schatten
an der Wand, die aussehen als wären sie eine menschliche Silhouette... oder Stimmen und Geräusche, die man
nicht zuordnen kann, da wird dann sofort meine Fantasie aktiv. Ich kann mich an einen Angstmoment aus meiner
Kindheit noch ganz gut erinnern – da bin ich nachts von meinem eigenen Gerede im Schlaf aufgewacht und dachte,
dass neben meinem Bett eine Person stehen würde. Ich war buchstäblich gelähmt vor Angst und habe Minuten gebraucht,
um zu kapieren was da los war. Das war wirklich eine entsetzliche Angst, an die ich mich heute auch noch
gut erinnern kann.

Quelle: Lauscherlounge

Monika Röth (monika)
e-mail: mroeth@audiobooks.at

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Siehe auch:

Der Autor vom Lufer Haus: Kai Schwind
Die Lauscherlounge präsentiert: Das Lufer Haus

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